
Zusammenarbeit und was die Branche als Nächstes tun muss
Kapitel 4
Was die Daten dieser Studie deutlich zeigen, ist, dass einzelne Versicherer, die ausschließlich mit ihren eigenen Daten, Werkzeugen und Ermittlungskapazitäten arbeiten, zunehmend von Betrugsnetzwerken überholt werden, die grenzüberschreitend agieren und sich über Versicherer, Dienstleister und die gesamte digitale Wertschöpfungskette der Versicherungsbranche erstrecken. Die Ergebnisse deuten nicht auf die Notwendigkeit schrittweiser Verbesserungen hin, sondern auf einen grundlegenden strukturellen Wandel.
Der Wettbewerbsinstinkt, der Versicherer in der Vergangenheit dazu veranlasst hat, Betrugsbekämpfung weitgehend isoliert zu betreiben, entwickelt sich zunehmend zu einer kollektiven Schwachstelle. Datenaustausch, gemeinsame Erkenntnisse und eine gemeinsame Infrastruktur sind keine strategischen Optionen mehr, die gegeneinander abgewogen werden sollten. Sie bilden die Grundlage, auf der jede andere Betrugsbekämpfungsstrategie wirksamer wird, und stellen die einzige Antwort dar, die dem Ausmaß der kommenden Herausforderungen gerecht wird.
Was Zusammenarbeit in der Praxis bedeutet

Der Austausch von Betrugsdaten und Warnhinweisen zwischen Versicherern steht mit 76 % mit großem Abstand an erster Stelle der bevorzugten Kooperationsformen. Es folgen gemeinsame Ermittlungsgruppen zwischen Versicherern (56 %), öffentlich-private Partnerschaften mit Aufsichts- und Strafverfolgungsbehörden (51 %), Partnerschaften mit InsurTech-Anbietern (40 %) sowie die internationale Zusammenarbeit bei der Betrugserkennung (29 %).
Die herausragende Bedeutung des Datenaustauschs verdient mehr als reine Anerkennung – sie verlangt eine grundlegende Betrachtung seiner strukturellen Bedeutung. Betrugsinformationen sind nur so wertvoll wie ihre Reichweite. Ein Betrüger, der bei einem Versicherer erfolgreich war, trägt diese Erfahrung unsichtbar zu seinem nächsten Ziel weiter. Versicherer, die isoliert agieren, beginnen faktisch immer wieder bei null, identifizieren dieselben Muster unabhängig voneinander, erleiden ähnliche Verluste und lassen dieselben Schwachstellen offen, die erfahrene Betrüger gezielt ausnutzen. Der Wert gemeinsamer Erkenntnisse ist nicht additiv, sondern multiplikativ.
Gerade im Kontext agentischer KI wird dies besonders deutlich. KI-gestützte Betrugssysteme werden nicht einen einzelnen Versicherer ins Visier nehmen. Sie werden den Markt systematisch nach Schwachstellen durchsuchen, aus jeder Interaktion lernen und erfolgreiche Vorgehensweisen skalieren. Die einzige Verteidigung, die einer solchen Bedrohung angemessen ist, besteht in kollektiver Intelligenz und einem Informationsaustausch, der den gesamten Markt umfasst. Die 76 % der Befragten, die sich gemeinsame Betrugsdaten und Warnhinweise wünschen, beschreiben daher kein „Nice-to-have“, sondern eine grundlegende Infrastruktur für wirksame Betrugsbekämpfung.
76%
56%
51%
40%
29%
Teilen von Betrugsdaten und Warnungen zwischen Versicherern
Gemeinsame Ermittlungsgruppen zwischen Versicherern
Öffentlich-private Partnerschaften (Regulierungsbehörden / Strafverfolgungsbehörden)
Partnerschaften mit InsurTech-Anbietern
Internationale Zusammenarbeit bei der Betrugserkennung
Was im Weg steht und was es über die Bereitschaft aussagt
Budget- und Ressourcenbeschränkungen (27 %) stellen das größte Hindernis für eine wirksame Reaktion dar. Diese Herausforderung zieht sich durch nahezu alle Bereiche der Betrugsbekämpfung und entspricht den Hürden, die Praktiker auch bei der Einführung von KI nennen.
An zweiter Stelle steht die Herausforderung, mit den sich ständig weiterentwickelnden Betrugsmethoden Schritt zu halten (24 %). Diese steht in direktem Zusammenhang mit der Technologielücke, da insbesondere KI-gestützte Systeme in der Lage sind, sich kontinuierlich anzupassen, anstatt ausschließlich auf statischen Regeln zu basieren.
Probleme bei der Datenqualität (16 %) und organisatorische Silos (16 %) sind besonders aufschlussreich, wenn sie gemeinsam betrachtet werden. Beide betreffen interne Voraussetzungen, die wiederum notwendig sind, um externe Zusammenarbeit überhaupt zu ermöglichen.
Bevor Versicherer Betrugsinformationen effektiv austauschen können, benötigen sie intern saubere, strukturierte und zugängliche Daten. Der Weg zu einer kollektiven Verteidigung beginnt daher mit der internen Datentransformation.
Regulatorische und datenschutzrechtliche Hürden (13 %) spielen dagegen eine vergleichsweise untergeordnete Rolle. Die meisten Praktiker betrachten sie als beherrschbar und nicht als grundlegendes Hindernis. Vergleichbare Modelle für den sicheren Datenaustausch existieren bereits im Finanzsektor, im Gesundheitswesen und im öffentlichen Bereich. Die eigentlichen Barrieren sind organisatorischer und finanzieller Natur, nicht rechtlicher.
27%
24%
16%
16%
13%
Budget- und Ressourcenbeschränkungen
Mit den sich entwickelnden Betrugstaktiken Schritt halten
Interne Datenqualität
Organisatorische Silos
Regulatorische / Datenschutzbarrieren
Drei Imperative: Was die Branche als Nächstes tun muss
Die Daten dieser Studie deuten auf drei unterschiedliche Prioritäten hin. Dies sind keine unabhängigen Empfehlungen, die nacheinander umgesetzt werden können; vielmehr sind sie sich gegenseitig verstärkende Imperative. Fortschritt bei einer einzelnen Priorität macht die anderen leichter zu erreichen, während ein Scheitern bei einer einzelnen die gesamte Strategie untergräbt.
Schließen Sie die KI-Akzeptanzlücke, bevor Betrüger sie vergrößern
72 % der Versicherer planen derzeit den Einsatz von KI oder befinden sich bereits in Pilotprojekten. Gleichzeitig sind die Vorteile bereits klar nachgewiesen. Budget- und Datenqualitätsprobleme sind reale Hürden, aber keine unüberwindbaren. Die Lösung muss als strategische Priorität behandelt werden. Die Organisationen, die diese Lücke innerhalb der nächsten 12 bis 18 Monate schließen, werden deutlich besser aufgestellt sein, um künftigen Betrugsformen zu begegnen. Da agentische KI-Bedrohungen innerhalb der nächsten zwei Jahre erwartet werden, beginnt sich das Zeitfenster für die Vorbereitung bereits zu schließen. Jedes Quartal im Planungsmodus ist ein Quartal ohne den Schutz vollständig implementierter Fähigkeiten.
Integrieren Sie Dokumenten- und Medienverifizierung in jeden Schadensablauf
8 % der Praktiker erwarten, dass Deepfakes zu einem der dominierenden Betrugsinstrumente werden. Dennoch betrachten nur 20 % die Medienverifikation heute als kritische Fähigkeit. Diese Diskrepanz ist kein Planungsproblem, sondern ein unmittelbares Risikothema. Jeder Schadenprozess, über alle Sparten hinweg, sollte von der Erstschadenmeldung (FNOL) bis zur endgültigen Regulierung eine systematische Authentizitätsprüfung von Dokumenten, Bildern und Videos beinhalten. Die Technologie existiert bereits. Die Bedrohung ebenfalls. Die Herausforderung liegt nicht in der technischen Machbarkeit, sondern in der organisatorischen Umsetzung.
Machen Sie Datenaustausch zum nächsten Infrastrukturprojekt der Branche
76 % der Befragten wünschen sich einen systematischen Austausch von Betrugsdaten und Warnhinweisen. Die regulatorischen und technischen Grundlagen dafür existieren bereits in anderen Branchen. Die Versicherungswirtschaft benötigt eine gemeinsame Informationsschicht zur Betrugsbekämpfung, nicht als langfristige Vision, sondern als grundlegende Infrastruktur. Gleichzeitig muss die Verbesserung der internen Datenqualität als Voraussetzung parallel vorangetrieben werden. Ein gemeinsames Informationsnetzwerk ist nur so stark wie die Daten, die seine Teilnehmer einbringen.

Die Praktiker, die an dieser Studie teilgenommen haben, sind keine Alarmisten. Sie sind erfahrene Fachleute, die ihre berufliche Laufbahn dem Aufbau von Betrugsabwehrsystemen, der Entwicklung von Ermittlungskompetenzen und dem Verständnis der Anpassungsfähigkeit von Betrügern gewidmet haben.
Wenn 78 % von ihnen davon ausgehen, dass agentische KI innerhalb von zwei Jahren spürbare Auswirkungen auf den Versicherungsbetrug haben wird, während sich nur 2 % sehr gut vorbereitet fühlen, dann handelt es sich nicht um eine Randnotiz in den Daten. Es ist ein unmissverständlicher Handlungsaufruf.
Die gute Nachricht ist, dass der Weg nach vorn klar erkennbar ist. Die Prioritäten sind bekannt, der Nutzen von KI ist belegt, und Modelle für erfolgreiche Zusammenarbeit existieren bereits in anderen Branchen.
Was jetzt erforderlich ist, ist organisatorische Dringlichkeit, das klare Bewusstsein, dass das Zeitfenster für Vorbereitung offen ist, aber nicht unbegrenzt offen bleiben wird.
Die Branche weiß, was zu tun ist. Die entscheidende Frage lautet, ob Versicherer rechtzeitig handeln werden, oder erst dann, wenn Aufholen die einzige verbleibende Option ist.
